Deepfakes – eine Gefahr für die Demokratie in Deutschland?

Die Schülerzeitung veröffentlicht hier ein (verkürztes) Handout von Anna Betz zum Thema Deepfakes. Das dazugehörige Fachreferat hielt die Schülerin im Politik-Kurs von Frau Holzmann.

A Zentrale Termini und (Funktionszusammenhänge) von Deepfakes

1. Definition von Deepfakes

Deepfakes sind mit generativer KI generierte oder manipulierte Medieninhalte. Dabei kann es sich um gefälschte Bilder, Videos, Texte oder Audioinhalte handeln. Diese wirken oft sehr realistisch und lassen sich kaum von echten Medieninhalten unterscheiden.

2. Funktionsweise von Deepfakes

2.1. Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen

Deepfakes werden von Künstlicher Intelligenz (KI), genauer gesagt von generativer KI, erstellt. Ein Teil davon ist maschinelles Lernen, dabei handelt es sich um Algorithmen (festgelegte Abfolge von Anweisungen, um eine Aufgabe auszuführen), welche von Trainingsdaten „lernen“ können.

2.2. Deep Learning

Deep Learning ist ein Teilbereich des maschinellen Lernens. Es imitiert das menschliche Gehirn durch künstliche neuronale Netzwerke (KNN). Diese bestehen aus verschiedenen Schichten von „Neuronen“. Der Begriff Deep Learning bezeichnet KNN mit mindestens vier Schichten, je mehr Schichten, desto lernfähiger ist das KNN.

2.3. Generative Adversarial Network (GAN)

Ein wesentliches Deep Learning-Modell ist das Generative Adversarial Network (GAN). Dabei handelt es sich um ein KNN, das z. B. darauf trainiert wird realistische Daten wie Deepfakes zu erstellen. GANs bestehen aus zwei Deep Learning Netzwerken. Einem Generator, welcher neue Datenpunkte erstellt, und einem Diskriminator, der bewertet, ob ein Datenpunkt echt oder gefälscht ist. Die beiden Netzwerke arbeiten gegeneinander und verbessern sich dadurch ständig gegenseitig. Durch den großen Fortschritt der generativen KI in den letzten Jahren ist es inzwischen sogar Laien möglich, realistische Deepfakes zu erstellen.

3. Erkennung von Deepfakes

Generell sind zur Erkennung von Deepfakes eine kritische Haltung und das Überprüfen von Quellen notwendig. Des Weiteren liefern verschiedene Merkmale wie sichtbare Übergänge, begrenzte Mimik und unstimmige Beleuchtung sowie scharfe Konturen, die verwaschen sind, Hinweise darauf, dass es sich bei einem Bild oder Video um ein Deepfake handelt. Bei Audios kann ein metallischer Sound, falsche Aussprache oder eine falsche Sprechweise darauf hindeuten, dass es von einer generativen KI erstellt wurde.

B Inwiefern werden Deepfakes eingesetzt, um politische extremistische Inhalte zu verbreiten?

1. Definition von politischem Extremismus

Bei politischem Extremismus handelt es sich um Bestrebungen, welche den demokratischen Verfassungsstaat sowie dessen fundamentalen Werte, Regeln und Normen ablehnen. Besonders richtet sich dies gegen die Idee der Menschenrechte. Das grundlegende Ziel ist es, die freiheitliche demokratische Grundordnung abzuschaffen und durch eine eigene Ordnung zu ersetzen.

2. Verbreitung von politischen extremistischen Inhalten in den USA

Deepfakes werden dort hauptsächlich im Wahlkampf verwendet. Unter anderem, um Wähler zu manipulieren oder vom Wählen abzuhalten und um Politiker zu diskreditieren.

3. Verbreitung von politischen extremistischen Inhalten durch extremistische Gruppen

Ein Beispiel dafür ist der „Islamische Staat“ (IS). Dieser nutzt Deepfakes, um neue Mitglieder zu rekrutieren, ein Gemeinschaftsgefühl unter den Mitgliedern zu schaffen und um extremistische Inhalte zu verbreiten.

4. Fazit

Deepfakes werden in verschiedenen Ländern, ähnlich wie in den USA, eingesetzt, um politische Gegner zu diskreditieren und um Wahlkampf zu betreiben. Aber auch extremistische Gruppen haben ihr Potential erkannt und nutzen Deepfakes zunehmend.

5. Rechtliche Regelungen

National gibt es in Deutschland keine speziellen rechtlichen Regelungen für Deepfakes. Allerdings regelt der Digital Services Act (DSA), wie große Plattformen hinsichtlich KI reguliert werden. Außerdem gilt für Deepfakes ab Mitte 2026, wenn der AI Act in Kraft tritt, eine Kennzeichnungspflicht.

Diskussionsfrage: Inwiefern stellen Deepfakes eine Gefahr für die Demokratie (in Deutschland) dar?

1. Deepfakes könnten in Deutschland, ähnlich wie in den USA zur Wahlmanipulation missbraucht werden. Bisher werden Deepfakes im deutschen Wahlkampf eher zögerlich eingesetzt, allerdings spielen sie weltweit eine immer wichtigere Rolle.

2. Deepfakes führen dazu, dass das Interesse an der Wahrheit sinkt. Kritiker befürchten, dass Deepfakes zu einem sinkenden Vertrauen in die Medien führen könnten.

Text: Anna B.

Männer und Frauen sind gleichberechtigt – Anspruch, aber auch Realität?

Die Schülerzeitung veröffentlicht hier ein Handout von Lucia Warnberger zum Thema Gleichberechtigung. Das dazugehörige Fachreferat hielt die Schülerin im Politik-Kurs von Frau Holzmann.

Im Folgenden wird die Gleichberechtigung der Frauen und Männer in der Medizin während des Studiums und des Praktizierens aus rechtlicher Sicht und der gelebten Praxis analysiert. Hierfür wird über die Länder Deutschland, USA und Afghanistan berichtet.

Deutschland

Rechtliche Grundlage

Art. 3 Abs. 2 GG: Männer und Frauen sind gleichberechtigt

AEMR, Art. 26: Jeder hat das Recht auf Bildung

Realität im Medizinstudium

2024 sind 64,9% der Studierenden weiblich (Humanmedizin)

Erfahrungsberichte aus eigenen Interviews bestätigen das Verhältnis in der Zahnmedizin

Realität im ärztlichen Beruf

2019 sind 47,7% der aktiven Ärzteschaft weiblich

Nur 14% der Klinikdirektoren sind weiblich

Hausärztinnen verdienen 28% weniger als ihre männliche Kollegen

Erfahrung einer jungen befragten Zahnärztin: Patienten bevorzugen teilweise männlichen Behandler

USA

Rechtliche Grundlage

Es existieren nur Antidiskriminierungsgrundlagen durch den 14. (Herkunft und ethnische Zugehörigkeit) und 19. (Wahlrecht) Verfassungszusatz.

Ausstehend Equal Rights Amendment, welches 1923 im Kongress eingereicht wurde und bis heute nicht ratifiziert ist.

Realität im Medizinstudium

2019 ist das erste Jahr in dem mehr weibliche Medizinstudentinnen studieren

2023/24 sind 54,6% der Studierenden weiblich (Humanmedizin)

Geschlechtsspezifische Belästigung ist häufig

Realität im ärztlichen Beruf

Die Lohndifferenz zwischen den Frauen und Männer bessert sich zwar, ist jedoch noch nicht auf demselben Niveau

2022 beträgt diese 26% weniger Einkommen bei Frauen

Lohnniveau gleicht sich auch bei den Dozenten langsam an

Afghanistan

Rechtliche Grundlage

Rechtlosigkeit von Frauen

Realität im Medizinstudium

Ausschluss von Frauen am Medizinstudium

Ausbildungen im medizinischen Bereich sind ebenfalls verboten

Realität im ärztlichen Beruf

Da Frauen in Afghanistan gesetzlich nur von Frauen behandelt werden dürfen, führt das Ausbildungsverbot dazu, dass die medizinische Versorgung für Frauen im Land vor dem Aus steht.

Rechtlosigkeit von Frauen

  • Realität im Medizinstudium
  • Ausschluss von Frauen am Medizinstudium
  • Ausbildungen im medizinischen Bereich sind ebenfalls verboten
  • Realität im ärztlichen Beruf

Da Frauen in Afghanistan gesetzlich nur von Frauen behandelt werden dürfen, führt das Ausbildungsverbot dazu, dass die medizinische Versorgung für Frauen im Land vor dem Aus steht.

Erste These:

Das staatliche Eingreifen Deutschlands im medizinischen Bereich durch Quoten nach Geschlecht ist überflüssig.

Pro:

  • Qualifikationen entscheidend
  • Frauen in der Mehrheit

Contra:

  • Führungspositionen überwiegend Männer
  • Gemischtes Team positive Auswirkungen

Zweite These: Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau in Deutschland hat zur Folge, dass Frauen dieselben Berufschancen haben wie Männer.

Pro:

  • Art.3 GG
  • Rechtlich denselben Zugang

Contra:

  • Mehr Männer in Führungspositionen
  • Männer geben ihren Posten an Männer ab

Text: Lucia W.

Projekttag: Deine Stimme zählt – Podcasts für die Demokratie

Unter dem Motto „Deine Stimme zählt – Podcasts für die Demokratie“ boten die Lehrkräfte Pütz und Riegel am Projekttag Demokratie ihren Workshop an. Bei diesem Projekt erhielten die Schülerinnen und Schüler einen Crashkurs, wie Sie eigene Podcasts erstellen können – von der Idee bis zur fertigen Aufnahme. Ihre Inhalte drehten sich dabei um Themen der Demokratie – also um Mitbestimmung, Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit oder einfach darum, wie wir alle unsere Welt ein bisschen besser machen können. Hier können Sie ein „Best of“ der Ergebnisse hören:

Podcast „Demokratie weltweit“ von u.a. Lennart S.

Podcast „Brauchen wir mehr direkte Demokratie?“ von u.a. Michael K.

Podcast „Demokratie und Freiheit“ von u.a. Fatima E.

Podcast „Wahlalter“ von u.a. Alara E.

Projekttag Demokratie: Poetry Slam und Rap treffen mitten ins Schwarze!

„Pack deine Gedanken über alles, was dich an der Demokratie stört oder dabei umtreibt in Worte!“

So startete der Workshop „Poetry Slam“, indem sich die Schülerinnen und Schüler verschiedener 11. Klassen an die Arbeit machten. Was als Endergebnis dabei herauskam, sorgte für große Begeisterung.

Die Ergebnisse des Workshops von Frau Schreiner-Hiemer und Frau Leitschuh gibt es hier zum Nachhören:

„Demokratie – worin zeigst du dich?“ von Diana M., Hannah T.

„Gerechtigkeit“ von Nick P.

„Niemand“ von Theresa J., Katharina S.

„Meine Demo“ von Bahar Y., Juliana B., Raihana M.

Das Beste von der „Open Mind Night“: „Acht Jahre“ von Paula K.

Es ist jetzt über acht Jahre her, dass du von uns gegangen bist.

Acht Jahre, seitdem dieser Motorradunfall mein Leben verändert hat. Acht Jahre, in denen ich mich jeden Tag frage, wie es wäre, wenn du noch hier wärst. Ich denke so oft an dich. Manche Tage sind leichter, an anderen fühlt es sich an, als hätte ich dich gestern verloren.

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich die Nachricht bekam. Es war, als hätte jemand einfach den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Alles, was sicher war, alles, was Halt gab, war plötzlich weg. Du warst weg. Und mit dir ging ein Teil von mir.

Ich vermisse dich, Papa. Jeden Tag. Es gibt so viele Momente, in denen ich wünschte, ich könnte dich einfach anrufen, dir von meinem Tag erzählen, deinen Rat hören oder einfach nur deine Stimme. Ich vermisse es, wie du mich mit deinem Lachen aufmuntern konntest, wie du mich angeschaut hast und ich sofort wusste, dass du stolz auf mich bist.

Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Aber ehrlich gesagt, fühlt es sich nicht so an. Der Schmerz ist immer noch da, vielleicht nicht mehr so laut wie früher, aber immer noch präsent. Es gibt Momente, da sehe ich jemanden, der dir ähnlich sieht, oder höre ein Lied, das du mochtest, und plötzlich ist der Schmerz wieder da, als wäre es erst gestern passiert.

Ich frage mich oft, wie du mein Leben jetzt sehen würdest. Ob du stolz auf mich wärst, ob ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe. Es gibt so viele Dinge, die ich dir erzählen möchte. Du hast so viel verpasst. Geburtstage, Erfolge, Niederlagen – all die kleinen und großen Momente, die ich mit dir teilen wollte.

Ich versuche, stark zu sein, so wie du es mir beigebracht hast. Aber manchmal ist es schwer, ohne dich weiterzumachen. Ich stelle mir oft vor, dass du irgendwo bist, vielleicht auf einer langen Straße, mit dem Wind im Gesicht und Freiheit im Herzen. Und ich hoffe, dass du glücklich bist, wo auch immer du jetzt bist.

Ich wünschte, ich könnte dich noch einmal umarmen, dich noch einmal hören, noch einmal mit dir lachen. Aber das Einzige, was mir bleibt, sind die Erinnerungen. Sie sind alles, was ich habe, und ich halte sie fest, so gut ich kann.

Papa, ich vermisse dich so sehr. Und ich hoffe, dass ich dich eines Tages wiedersehe. Bis dahin trage ich dich in meinem Herzen. Du bist ein Teil von mir, für immer.

Text: Paula K.

Das Beste von der „Open Mind Night“: „Freie Blumen“ von Melek Algül

Eine Blume verblüht nicht, weil sie keinen Regen hatte, sondern weil ihre
Wurzeln geschnitten wurden. Ein Licht erlischt nicht einfach so,
sondern weil es erstickt wird. Es sind keine Naturgewalten, welche
Blumen zerstören und das Feuer erlöschen. Es sind die Hände
derjenigen, welche nicht lieben, welche geblendet sind durch puren
Zorn. Und es sind keine Flammen oder Blumen. Sie sind Frauen.
Einfache Frauen wie du und ich.

Sie verblühen nicht von selbst, sie werden ausgelöscht. Ausgelöscht
von einem System, welches schweigt. Von einer Welt, die wegsieht. Es
beginnt nie groß und auffällig, sondern still und einsam, in den eigenen
vier Wänden, in welchen es meistens auch ein Ende nimmt. Wir alle
wissen Bescheid, doch Handeln ist nicht immer dabei.

85.000.
85.000 Frauen, welchen alleine letztes Jahr die Stimme geraubt wurde.
85.000 Frauen, welche dachten, in unserer emanzipierten Gesellschaft
frei blühen zu können.

Und doch verblassen Jahr für Jahr Tausende von Leben. Sie sterben
nicht an Unfällen, nicht nach einem Schicksal. Sie sterben durch die
Hand von Menschen, welche ihre Freiheit nicht wertschätzen.

Wie frei sind wir wirklich, wenn unsere Blumen noch immer verblühen
müssen, weil andere entscheiden, dass ihr Licht zu hell und ihre
Wurzeln zu frei sind?

Ist unsere komplette Freiheit wirklich erreicht, wenn Freiheit für
manche Frauen noch immer nur ein stiller Traum bleibt?

Es ist nicht nur dein Leben und dein Weg, sondern unser Leben und
unser Weg. Unser Kampf und unsere Stimme, für jede Frau, für jede
Blume, die nicht mehr blühen durfte.

Text: Melek Algül

Das Beste von der „Open Mind Night“: „System“ von Theresa Widmann

Seit Jahren leben wir in einem System.
Ein Geflecht aus unzähligen Strukturen, die wir kaum verstehn.
Manche sind geordnet, andere chaotisch, manche fast zu perfekt durchdacht –
doch ist das wirklich das Leben? Nur ein System?

Ein Konstrukt, das uns antreibt,
damit alles funktioniert,
damit alles läuft,
damit… wir funktionieren.

Von Anfang an werden wir hineingepresst,
wie Puzzleteile, die nicht passen,
doch mit Druck sich irgendwie fügen lassen.
Du bist hier, um deinen Teil zu leisten.
Das tuen hier die meisten.

Deine Aufgabe: das System erhalten.
Aber ohne es zu spalten.

Füge dich. Funktioniere.
Wie ein Zahnrad oder eine Maschine. Funktioniere.
Sei das, was von dir erwartet wird. Deine eigenen Erwartungen und Wünsche hintenangestellt.
Damit du jeden hier erhellst und dich dabei doch selbst verstellst.

Und dann frage ich mich:
Ist das das perfekte System?
Katastrophen. Kriege. Unzufriedenheit.
Ist das der Preis?
Trotz all dem Fleiß?
Ist das Teil des Plans?
Ist das das perfekte System?

Aber was, wenn es keinen Plan braucht?
Kein System, das alles lenkt?
Diese Ordnung, dieses Gefüge – es raubt uns so viel.
Kreativität. Freude. Begeisterung.
„Das bringt nichts!“, schreit die Stimme des Systems.
Ideen werden erstickt,
bevor sie atmen können.

Und wehe, du wagst es,
deinen eigenen Weg zu gehen.
Dann bist du egoistisch.
Dann bist du eigennützig.
Dann bist du das Problem.
Und alle werden nur stumm von der Seite zuseh‘n.

Doch sag mir, warum?
Warum fühlt es sich falsch an,
das Richtige zu tun? Sollte es sich nicht richtig anfühlen?
Warum begegnet man Träumen mit Neid,
Hoffnung mit Missgunst,
Erfolg mit Spott?
Sag mir warum fühlt es sich so falsch an das Richtige zu tun?

Das System, das so super funktioniert,
leitet uns in eine Welt voller Konkurrenz.
Schneller. Höher. Weiter.
Nur nicht nach hinten schauen.
Die anderen sind uns egal.
Jeder für sich. Keiner zusammen.
Das System – das so super funktioniert.

Doch was ist mit Zusammenhalt?
Was ist mit Unterstützung?
Mit Freude? Mit einem Miteinander?
Das sind Fremdwörter in unserer Realität.

Denn hier muss jeder alles können.
Alleine. Ohne Hilfe. Keine Fehltritte.
Nur Perfektionismus.
Aber wer kann denn schon alles?
Es gibt keine Alleskönner.
Es gibt nur Menschen.

Menschen mit Stärken.
Menschen mit Schwächen.
Menschen, die scheitern.
Menschen, die lachen.
Menschen, die lieben.
Menschen, die Mensch blieben.

Vielleicht,
vielleicht sollten wir wieder mehr Mensch sein.
Weniger funktionieren, mehr fühlen.
Weniger kämpfen, mehr ruhen.
Weniger hassen, mehr lieben.

Ein System, das uns zusammenführt.
Das uns lehrt, einander zu sehen,
einander zu schätzen,
voneinander zu lernen
und somit ein Miteinander zu schaffen.

Das wäre ein System, das funktionieren könnte.
Mehr Mensch sein.
Mehr Leben.
Mehr wir.
Ist das das System, das super funktioniert?

Text: Theresa Widmann

Übergriff? – „Jetzt hab‘ dich nicht so!“

Eines der wichtigsten Tabuthemen der heutigen Zeit sind Übergriffe von einer Person auf eine andere. Rund 89 Prozent der Frauen und 29 Prozent der Männer erlebten schon mal einen sexuellen Übergriff. Dazu zählen nicht nur ungewollte sexuelle Handlungen, sondern auch Bemerkungen oder scheinbar harmlose Berührungen, die in die Komfortzone des Gegenübers eindringen und meist ungefragt getätigt werden. Die mitunter meist betroffene Brache ist, neben Tätigen im Gesundheitswesen, die Gastronomie. Kellner*innen schlagen sich fast täglich mit anzüglichen Bemerkungen und ungewollten Berührungen herum. Die Frage ist: wo wird der Strich gezogen? Was ist übergriffig und was ist harmlos? Das ist leider nicht zu leicht zu beantworten, denn seine Grenzen setzt jeder selbst. Viele empfinden eine Berührung am Arm als völlig normal, anderen jedoch ist das zu viel und erachten es als eher unangenehm.

Da dieses Thema leider oft unter den Tisch gekehrt und vergessen wird, habe ich mich mit ein paar Personen unterhalten, die in der Gastronomie tätig sind und schon einmal eine Erfahrung in diesem Bereich gemacht haben, um uns ihre Geschichten zu erzählen. Da die Identitäten geschützt werden, bleiben die Namen anonym. Genauso wie der Name der Autorin.

Person 1: „Ich arbeite in der Gastronomie seit nun zwei Jahren und habe schon viel erlebt. Ein Stammgast, mit dem ich mich schon häufig unterhalten habe und mit dem ich ein gutes Verhältnis hatte, da wir im gleichen Alter sind, kam vorbei. Er war mehr als nur ein bisschen angetrunken und bestellte bei uns noch etwas zu trinken. Ich unterhielt mich ein bisschen mit ihm und ging dann in in Küche, um die gespülten Gläser auszuräumen. Als ich mich umdrehte, stand er plötzlich ganz nah vor mir und versuchte, mich zu küssen. Ich war zwar überrumpelt, konnte ihn aber gerade noch so abwehren. Er hat mich später über bekannte auf Instagram gefunden und wollte mit folgen. Mir war das echt unangenehm und ich gehe ihm aus dem Weg, wenn ich ihn in der Stadt sehe.“

Person 2: „ Ich arbeite seit nun drei Jahren in einer Bar. Wir hatten eine große Reservierung geplant, denn ein Gast wollte seine Firmen-Weihnachtsfeier bei uns veranstalten. Ich habe Freunden von mir gerade ein Getränk gebracht, als sich dieser Gast neben mich stellte und seine Hand um meine Hüfte legte. Ich entfernte seine Hand und ging ein Schritt zurück. Er folgte mir aber und legte dann seine Hand auf meinen Hintern. Ich war so überrascht von dieser Situation, dass ich nicht reagierte, sondern zu meinem Kollegen ging, um ihn zu bitten, ihn hinauszuschmeißen. Mein Kollege konfrontiere ihn damit und es brach ein riesiger Streit aus, bei dem ich als Lügnerin bezeichnet und mein Kollege beschimpft wurde. Die ganze Bar sah bei dem Spektakel zu. Letztendlich war es mir eher unangenehm, so einen großen Ausbruch ausgelöst zu haben, als dass ich glücklich war, dass er nun Hausverbot hat.“

Bild: Anonyme Autorin dieses Artikels

Viele erleben nicht nur körperliche Übergriffe, sondern müssen sich auch mit anzüglichen und übergriffigen Bemerkungen rumschlagen, bei dem es schwieriger ist, die Grenze zu ziehen, da es sich ja „nur“ um Worte handelt.

Person 3: „Ich muss mir viel anhören. Häufig sind es Männer, die seit 50 Jahren verheiratet sind und mal wieder etwas trinken gehen. Sie meinen oft sie sind unwiderstehlich. Wenn ein Mann im Alter deines Opas zu dir sagt ,Wenn ich nur ein paar Jahre jünger wäre, würde ich mir das mit dir nochmal überlegen, ist mein erster Instinkt zu lachen, obwohl es eher traurig ist. Wenn er nämlich nur ein paar Jahre jünger wäre, wäre er immer noch 60 Jahre älter als ich. Immer öfter kommen auch  Aussagen beim Bezahlen, wie ob man im Preis inbegriffen ist, weil es so teuer sei und ob sie dich deswegen heute Nacht mit nach Hause nehmen könnten. Diese Aussagen hören sich zwar witzig an und mit ihnen umzugehen, ist auch nicht so schlimm, wie mit Berührungen, dennoch fühle ich mich immer unwohl, wenn sie so etwas sagen und dich dann nicht mehr aus den Augen lassen.“

Person 4: „Ich habe vor zwei Jahren in einem Restaurant gearbeitet. Mir wurde häufig hinterhergepfiffen und es wurden Kommentare über meinen Hintern abgelassen. Immer wieder wurden zweideutige Witze gemacht. Dagegen sagen kann man nicht viel, ich habe es meistens ignoriert und gelächelt, denn das Trinkgeld war wichtig. Ich habe aber gelernt, dass wenn ich eine  enge Hose anhatte, ich immer eine Schürze darüber anzog, die meinen Po verdeckte. Da habe ich mich nicht mehr ganz so unwohl gefühlt.“

Auch Männer haben immer öfter mit Übergriffen zu kämpfen. Bei ihnen wird das Ganze leider nicht so ernst genommen, wie bei Frauen, denn „sie können sich ja wehren“, so der häufige Kommentar, aber auch hier ist es wichtig, die Menschen darauf aufmerksam zu machen.

Person 1: „Ich bin Kellner in einem Restaurant auf dem Dorf und dort kommen meistens immer sonntags Frauen zum Mittagsbrunch. Stammgäste lassen oft nach einer gewissen Zeit ihre Scham fallen. Ältere Frauen kneifen mir in die Wange und sagen, ich sähe aus wie ihr Mann, als dieser noch jung war oder bringen anzügliche Kommentare, wie ich dürfe bei ihnen daheim auch gerne mal privat kellnern. Oft lächle ich bloß, aber eigentlich ist es mir echt unangenehm. Ich schicke häufig Kolleginnen hin, die den Tisch dann für mich übernehmen.“

Person 2: „Es sind immer öfter ältere Damen da, die sich gerne mit mir unterhalten und mir klimpernde Blicke zuwerfen. Ich habe gelernt, damit umzugehen, obwohl sie meine Mutter sein könnten. Unangenehm wurde es erst, als eine Dame jeden Tag kam und mir Blumen und eine Karte mit ihrer Nummer darauf geschenkt hat. Sie hat meine Freunde über mich ausgefragt, wenn die mal da waren und hat mich regelmäßig umarmt und an den Hintern gefasst. Am Ende hat sie Hausverbot bekommen.“

Alle diese Geschichten sind auf ihre Weise eine Form des Übergriffs und enden meistens mit einem Gefühl des Unwohlseins. Trotzdem wehren sich immer noch viel zu Wenige gegen diese Art der Belästigung. Häufig folgt dem Wehren auch ein Gefühl der Scham. Es wird sich gefragt, ob es jetzt auch nötig war, etwas dagegen zu tun und ob der Aufstand es Wert war. Man kann aber sagen, das es auf jeden Fall wichtig ist, sich zu wehren und die Person zur Rede zu stellen. Sie werden sonst mit ihren Verhalten fortfahren, da sie keine Konsequenzen spüren. Zudem ist es wichtig, auch mit Leuten aus dem Umfeld zu reden, um das Ganze zu verarbeiten und dir Zuspruch zu sichern, das hilft vielen emotional weiter. 

Wenn du dir selbst nicht sicher bist, ob eine Berührung unangebracht ist oder nicht, lass‘ es bleiben oder versichere dich bei deinem Gegenüber, ob das in Ordnung geht. Das Thema ist sehr sensibel und sollte sowohl in den Medien, als auch im sozialen Umfeld viel präsenter sein, denn meist werden solche Situationen mit den Worten „Wer in der Gastronomie arbeitet, muss damit rechnen!“ abgespeist.

Text: Anonym